Elf  Monate verstoßen – Sakerfalke “Dana“

„Dana“ ist ein weiblicher Sakerfalke des Jahres  1997. Nach anfänglichen, saker-typischen Schwierigkeiten, die wohl jeder kennt, der schon mal einen Sakerfalken abgetragen hat, entwickelte sich „Dana“ zu einem guten Beizvogel auf Fasan und Ente. Da ich ihr auch nach der Beizsaison ausreichend Flugmöglichkeiten bieten wollte, stellte ich „Dana“ seit Anfang Januar täglich in meinem Beizrevier in den Wildflug. Von morgens acht bis Nachmittags um vier Uhr konnte sie sich hier austoben und ihren natürlichen Trieben folgen. Auch am 06. Februar 1999 ließ ich sie um 8:00 Uhr mit einem Sender versehen frei von der Faust. Sie wog an diesem Morgen 1.264g Eine Routinekontrolle gegen 12:00 Uhr zeigte, dass sie sich einige Kilometer vom Trainingsgelände entfernt hatte. Es bestand jedoch kein Grund zur Besorgnis, da dies nichts Ungewöhnliches war. Immer mal wieder flog sie ein Stück übers Land, um meistens gegen 15:00 Uhr zurückzukehren nicht jedoch an diesem Tag. Ich wartete bis 17:00 Uhr, ehe ich mich ins Auto setzte und die Suche nach ihr aufnahm. Die empfangenen Signale des Senders waren nur sehr schwach und so gestaltete sich die genaue Lokalisierung schwieriger als erwartet. Wahrscheinlich hatte „Dana“ Beute gemacht und stand mit ihrem Fang am Boden. Spätestens am nächsten Morgen, wenn sie irgendwo aufgebaut habe würde, erwartete ich einen guten Signalempfang und „Dana“ zurück auf meiner Faust.

Als morgens gegen 05:00 die Suche fortsetzte herrschte dichtes Schneetreiben dies kam mir natürlich sehr ungelegen; einerseits, weil die vielen Schneeflocken die Signalstrahlen des Senders reflektierten und damit den Signalempfang erschwerten, und andererseits, weil ich nicht schnell Auto fahren konnte. Ich steuerte gezielt hohe Punkte in der Umgebung an (Eisenbahnbrücken, Aussichtstürme etc.), um möglichst weit und störungsfrei ins Land peilen zu können. Ohne Erfolg. Ich hörte nur noch Rauschen im Empfänger. Der ganze lange Tag verging, ohne dass ich ein einziges Signal empfing. Da ich erst kürzlich neue Batterien in den Sender eingelegt hatte kalkulierte die Restbetriebsdauer des Senders auf  128 Stunden, also noch gut fünf Tage. In der sich anschließenden Woche  fuhr ich fast 5000km kreuz und quer durch Schleswig-Holstein – aber vergeblich. Von „Dana“ keine Spur. Inklusive aller stillen Reserven der Batterien, so hatte ich errechnet, sollte der Sender den Betrieb um den 13. Februar eingestellt haben. Damit begann die Zeit des ohnmächtigen Wartens, eine weitere aktive Suche machte keinen Sinn mehr, da „Dana“ telemetrisch nicht mehr zu orten war.

Unterdessen hatte ich alle Falkner der näheren und weiteren Umgebung von meinem verlustigen Saker informiert. Ich verband damit die Hoffnung, dass vielleicht einer ihre Bells hören  oder „Dana“ sich für ein fremdes Federspiel interessieren würde. Auch schaltete ich in allen regionalen und einigen überregionalen Tageszeitungen sowie der einschlägigen  Jagdpresse Suchanzeigen. Aber auch diese brachten keine neuen Erkenntnisse. Die Tage und Wochen vergingen. Es erreichten mich viel Nachrichten, aber nicht die richtige. Im Juni dann bot mir der Züchter von „Dana“ ein junges Weib an. Da ich mental noch nicht wieder den Kopf für einen neuen Falken frei hatte, sagte ich nur halbherzig zu.


Dänemark 1998 - Penele, Frank und „Dana“

Noch am gleichen Abend rief mich Frank Hansen aus Dänemark an. Frank hatte meinen Saker im Sommer des Vorjahres in Norddänemark eingeholt, als „Dana“ sich das erste Mal verstoßen hatte. Damals war sie binnen eines Tages 387km- ganz untypisch für Sakerfalken- Richtung Norden geflogen. Seinerzeit äußerte Frank  den Wunsch, ein junges Weib vom gleichen Zuchtpaar zu erwerben. Und so kam es, dass Frank meine nur halbherzige Zusage übernahm. Per Flugzeug holte ich den Jungfalken für Frank aus München ab. Da der Vogel noch eine Woche bei mir zu stehen hatte, bis Frank ihn abholen würde, versah ich ihn mit einer Adresstafel. „Sicher ist sicher“, dachte ich mir.
Mittlerweile war es Ende November. An einem Vormittag ging ich außer der Reihe zum Einkaufen, als eine Bekannte aus dem Nachbarort auf mich zu kam und fragte:“ Na, haben Sie denn Ihren Falken von der Insel Sylt schon abgeholt?“ „Wie bitte?“, fragte ich erstaunt nach. Ende Oktober war sie angerufen und gefragt worden, ob sie wohl einen Falken vermissen würde. Da sie keine Falknerin ist, aber durch unsere ähnliche Telefonnummer darauf tippte, dass der fremde Anrufer wohl mich sprechen wollte, gab sie ihm meine Rufnummer. Dabei ließ sie es bewenden.
Ich fiel aus allen Wolken, zumal sie anfügte das der Anrufer sogar Fotos von dem Falken aus nächster Nähe gemacht hätte. Warum hatte mich der betreffende Jemand von Sylt nur nicht angerufen obgleich der Vorgang schon über drei Wochen zurücklag , griff ich zu Hause sofort nach dem Telefonhörer und rief Behörden, Schulen, Jäger, Tierheime und Fotoläden an. Aber keine wusste etwas von einem Falken.
Das konnte doch nicht war sein! Ich gab eine Suchanzeige im Sylter Tageblatt auf- ohne Erfolg. Auch ein längerer Bericht des Fernsehsenders RTL Anfang Dezember brachte nicht den gewünschten Erfolg. Dann erklärte sich die Sylter Rundschau bereit, einen Bericht über den Sachverhalt zu bringen. Endlich am nächsten Abend klingelte mein Telefon. Ornithologen von der Schutzstation Hörnum/Sylt hatten Außenarbeiten zu erledigen, als sich ein Großfalke mit Beute ganz in ihrer Nähe niederließ.
Der Falke wurde aus allen Blickwinkeln fotografiert und dann  ging man nach Hause. Vier Tage später war der Film entwickelt. Und was die Männer bei dem faszinierenden Naturerlebnis übersehen hatten, zeigte sich deutlich auf den Bildern. Eine Adresstafel mit mehr schlecht als recht zu entziffernder Telefonnummer. Weil die Rufnummer nicht richtig zu lesen war, erreichte zunächst meine Bekannte aus dem Nachbarort. „Ja, Sender war dran, eine Bimmel auch“. Mir platzte fast der Kragen als man mir auf meine Nachfrage erklärte, dass man es nach dem Zweiten Versuch aufgegeben habe, mich telefonisch zu erreichen.
Gleich am nächsten Tag fuhr ich nach Sylt. Doch Fotos bekam ich keine zu Gesicht; die betreffende Person war nicht auffindbar, und seiner Frau war von Bildern eines Falken nichts bekannt. Mit der Bitte, dass ihr Mann mir doch die Fotos zuschicken solle, verließ ich Sylt und fuhr wieder 170 km in Richtung Heimat.
 Die Tage verstrichen, Fotos aber kamen keine. Dann endlich nach drei langen Wochen waren sie tatsächlich da- zusammen mit der Rechnung über DM: 6,78. Mit zittrigen Händen öffnete ich den Brief, doch dann die enttäuschende Wahrheit: Die Adresstafel war zwar die meine, nicht aber der Rest. Es handelte sich um Frank Hansens Jungfalken aus Dänemark, der ihm im Spätsommer entflogen war. Ich informierte Frank umgehend. Auch wenn es nicht mein Falke war, ich hätte mich auch mit und für Frank gefreut. Aber wie dem auch sei, alles lag ja bereits 6 Wochen zurück. Von Franks Falken fehlt bis heute jede Spur.
Am Nachmittag des  18.12.99 klingelte dann das Telefon es stellte sich mir eine Frau Dawartz von der Hamburger Umweltbehörde vor. Sie hatte den RTL-Bericht gesehen und sich dabei meine Nummer notiert. Sie berichtete mir von einem großen hellen Falken, der sich seit Juni im Hamburger Hafengebiet aufhalten würde. Seit Oktober  erschiene er regelmäßig zum Beuteverzehr auf dem Dach des ehemaligen Polizeipräsidiums. Die Hamburger Ornithologen, denen der Vogel auch bekannt wäre, würden zwar auf einen Gerfalken tippen; und Prof. Dr. Christian Saar, dem der Vogel auch gezeigt worden wäre, hätte einen Gerterzel oder aber einen Hybridfalken im Glas zuerkennen geglaubt, aber ich könnte ja mal vorbeischauen und sehen, ob es nicht doch mein Falke sei. Das musste sie mir natürlich nicht zweimal sagen.

Um eine mögliche Verpaarung mit Wanderfalken des DFO- Auswilderungsprojektes in und um Hamburg zu vermeiden, sollte der Falke unbedingt eingefangen werden. Dies war für Januar avisiert. Der Falke machte auf alle Beobachter einen sehr gesunden und fluggewandten Eindruck. Auch schien er ein erfolgreicher Jäger zu sein. Auf ausgelegte Enten und Tauben reagierte er nicht. Ein Mitarbeiter des Polizeipräsidiums, selbst Jäger, hatte im Oktober 1999 fünf gute Fotos des Falken auf einer Hafenbrücke gemacht.


 Für mich war der Fall klar, das ist „Dana“


Durch die freundliche  Vermittlung von Frau Dawartz erhielt ich noch am Tag ihres Anrufes eines der Fotos per Email zugeschickt. Es handelte sich um eine gute Seitenaufnahme, die durch eine Scheibe gemacht wurde. Ich studierte das Foto und entschied, dass  es sich gut um meinen Falken handeln könnte. Letzte Sicherheit wollte ich mir vor Ort  holen.
Am nächsten Tag machte ich mich auf den Weg nach Hamburg, zur Umweltbehörde. Ich wollte die fünf Fotos unbedingt im Original sehen. Und tatsächlich: auf einem Bild war der Zuchtring zu erkennen und dann waren da noch die Bellen von Töwe. Für mich bestand kein Zweifel: Das musste „Dana“ sein. Mein ursprüngliches Ansinnen, den Vogel möglichst bald zu fangen, musste ich aufgeben. Über Weihnachten war kein geeignetes Netz mehr aufzutreiben.

Endlich, am 4.1.2000 traf das bestellte Japannetz ein. Am Folgetag  dann lagen alle notwendigen Utensilien auf dem Dach des Polizeipräsidiums bereit. Außer mir waren noch zwei Personen von der Umweltbehörde zugegen. Darüber hinaus hatte ich“ Juri“  mitgebracht, einen Wanderfalkenterzel, der als Lockvogel dienen sollte. Alles was dann folgte, war für mich Neuland. Natürlich hatte ich keinerlei  Erfahrung im Fang  eines Wildfalken.  
Regelmäßig zur Mittagszeit, wurde mir versichert, würde „Dana“ auftauchen. Und tatsächlich: Um 11:50 Uhr segelte sie mit einer geschlagenen Taube in den Händen über uns hinweg und landete auf dem Siemens- Hochhaus. Schnell lief ich zu „Juri“  herüber und gab ihm eine Taubenschwinge zum Atzen. Ich hatte unseren Lockvogel mittig auf das Dach des Polizeipräsidiums gut sichtbar auf einem Block angebunden.
Das Japannetz hatte ich ein paar Meter entfernt unter Wind aufgespannt. Ich vermutete „Danas“ Angriff auf den vermeintlichen Beutekonkurrenten gegen den  Wind. „Juri“ begann unmittelbar zu rupfen. Und es dauerte auch nicht lange, bis der Falke auf dem Siemens-Hochhaus ihn bemerkte. Nun sollte doch der Angriff erfolgen. Oder etwa doch nicht?
Ich war noch am Zweifeln, da hob sie auch schon ab. Doch anstatt im wilden Sturzflug gegen  den Wind kam „Dana“ mit ihrer Taube im langsamen Sinkflug unter Wind heruntergesegelt. Dabei gab sie leise aber unüberhörbare Balztöne von sich. Immer noch die Taube in den Händen haltend blockte sie ganz in unserer Nähe auf. Dann plötzlich ließ sie ihre Taube los. Der Terzel schien sie mehr zu interessieren.
Von Aggression oder Territorialverhalten war nichts zu bemerken. Ganz langsam segelte sie in Richtung Dachmitte. Gut sechs Meter vor dem Block landete sie im Kiesbett. Im Weiteren näherte sie sich dem Terzel zu Fuß, dabei fortwährend leise Stimmfühlungslaute hören lassend.
„Juri“ sicherte ab und zu, ließ sich aber von seinem Rupfen nicht abhalten. Hin und wieder ließ er einige Brocken herunterfallen die ihm offenbar nicht zusagten. Endlich stand der Falke direkt unter dem Terzel am Block und nahm die Atzungsbrocken, die „Juri“ von oben herabfallen ließ, auf.
Wir bestaunten das Schauspiel alle ungläubig. Wir hatten mit vielem gerechnet, nicht aber damit. So schön dass  alles mit anzusehen war, unserem Ziel, den Falken zu fangen, kamen wir nicht näher. Ich entschied mich, den Falken vorsichtig hoch zu machen. Sie strich ab und blockte in ca. 150m Entfernung auf. Endlich stand sie auf der richtigen Seite des Fangnetzes. Schnell holte ich ihre Taube und legte sie hinter das gespannte Netz ganz nahe an „Juris“ Seite. Der Blick durchs Fernglas zeigte, dass ihr Nicken intensiver wurde Da flog sie auch schon los.
Wir gingen in Deckung und hielten die Luft an….aber nichts passierte. Alles blieb ruhig. Kein Gezeter, kein Geschrei war zu vernehmen. Ein Blick um die Ecke zeigte, dass „Dana“ direkt vor dem Netz gelandet war. Mit viel Anstrengung versuchte sie, die Taube durch das Netz zu Griffeln. Was nun dachten wir.
Irgendwie musste ich hinter den Falken gelangen. Sie musste sich genötigt sehen, in Richtung des Netzes zu starten. Dies war allerdings einfacher gedacht als getan. Auf dem Dach gab es keine Geländer, jeder Schritt zu viel wäre unweigerlich der letzte gewesen. Dennoch gab es keine Alternative.
Ich kroch aus dem Versteck hervor, und tatsächlich hielt mich „Dana“ aus. Die ersten Meter schaffte ich nur mit schlotternden Knien. Es waren noch gut 15m zu ihr hin, als sie erneut anfing, an ihrer Taube zu zerren.
„Sekt oder Selters“, dachte ich mir und begann zu rennen. Den Bruchteil einer Sekunde zu spät bemerkte sie meine Absichten. Erschrocken von dem was plötzlich  von schräg hinten auf sie zukam, blieb ihr keine andere Wahl als nach vorne- wie ich es mir erhofft hatte- von mir weg zu starten…..und da hing sie auch schon im Netz. Meine Nerven lagen blank. Fast glaubte ich einen zweiten Zuchtring zu erkennen. Und war sie nicht doch zu wuchtig für einen Sakerfalken?
Ich bat Frau Dawartz von der Umweltbehörde mir vorzulesen, was auf der Adresstafel stand. „Hören Sie auf zu zittern. Wie soll ich denn da etwas vorlesen können“, sagte sie mir mit einem Grinsen im Gesicht. Nochmals nahm ich alle meine Kraft und Konzentration zusammen. „Hier steht also“, begann sie zu lesen, „ Dirk Harders. Tel. 04872-3174“. Mir viel ein riesiger Stein vom Herzen. Es war wirklich „Dana“. Nach fast genau 11 Monaten hatte ich sie endlich wieder in der Hand.
Am Folgetag bringt sie „leer“ 1.258g auf die Waage und nur 38 Std. nach dem Einfangen atzt sie ohne Probleme auf der Faust, so als wäre nie etwas gewesen, als hätte sie es in den letzten 11 Monaten jeden Tag getan. Nach weiteren 5 Tagen kommt sie zur Faust geflogen. Ihre Signale und das entsprechende Verhalten hat sie auch nicht vergessen. Sie ist wieder fast ganz die Alte. Nun bin ich auf der Suche nach einem passenden Sakret für sie, denn eines hatte „Dana“ ja bewiesen: Interesse am männlichen Vogelgeschlecht ist da.
 
Auf diesem Wege möchte ich nochmals allen Beteiligten, die geholfen haben, diesen elfmonatigen „Wildflug“ von „Dana“ glücklich zu beenden, Dank sagen.