Nur eine Frage der Kondition
Am heutigen Sonntag sollte Juri unser junger Wanderfalkenterzel, seinen
ersten Freiflug machen. Mit einem Peilsender versehen stellte ich ihn
um 09:50 Uhr auf einen Weidezaunpfahl. Bevor ich das Federspiel aus der
Tasche hatte, um ihn anzurufen, strich er auch schon ab. Er gewann sehr
schnell an Höhe und verschwand über mit
böigen Winden über Hademarschen außer
Sicht.
Dem Signal nach flog er mit Wind in Richtung Oldenbüttel. Den
Nordostseekanal hatte er schon vor mir überquert. Als mich die
Fähre am anderen Ufer abgesetzt hatte, war von seinem Sender
kein Signal mehr zu empfangen.
Eine Suchfahrt quer zur vorherrschenden Windrichtung (Nordost) bis
Höhe Albersdorf brachte auch nichts ein. Nun war mir schon
klar, dass ich eventuell weiter zu fahren hätte. Kaffee
kochen, Brote schmieren, Landkarte einpacken und den Polo voll tanken.
Junge unerfahrene Falken fliegen ja bekanntlich mit dem Wind und der
wehte am heutigen Tag in Richtung Nordost.
In ca. 35 Kilometer Entfernung vom Ausgangsort, ging es in Schacht
Audorf auf die A7. An der Rader Autobahnbrücke kam endlich der
ersehnte Piepton des Falkensenders in den Kopfhörer. Der
Signalstärke nach, dürfte Juri nicht sehr weit
entfernt stehen. Die Reaktion von ihm, falls er mich überhaupt
bemerkt hatte, war jedenfalls gleich Null.
Mit Wind flog er um 14:30 Uhr weiter Richtung Nordost. Von der
Autobahnabfahrt Owschlag ging es nun grob weiter in Richtung
Eckernförde.
In der Nähe der Ortschaften Osterby und Osterbyholz endlich
wieder ein schwaches Signal vom Sender. Verstreute große
Waldstücke und eine hügelige Landschaft machten eine
genaue Standortbestimmung nicht möglich.
Auf der nächsten Hügelkuppe war der
Signalstärke nach klar, dass er in unmittelbarer Nähe
stehen musste, nur war auch hier die Spurbahn zu Ende. Raus aus dem PKW
und zu Fuß dem Falken hinterher. Bergauf, bergab,
über Bäche und Knicks, das Signal kam mal
gut rein und dann wieder schlechter. Die Zeit verstrich und es wurde
auch zunehmend dunkler. Wo stand nun noch mein PKW?
Eigentlich hatte ich ihn schon hinter diesem Hügel stehend
erwartet. Mit viel Glück fand ich ihn dann doch noch.
Inzwischen war es völlig dunkel geworden und der Standort des
Falken war immer noch nicht bestimmt. Zurück nach Hademarschen
und um 22:00 Uhr war ich wieder vor Ort. Mit Hilfe eines
Handscheinwerfers musste der Standort unbedingt ermittelt werden. Eine
ungenaue Landkarte, eine stockdunkle Nacht und keinerlei Ortskenntnisse
erschwerten die Situation natürlich noch unnötig.
Nach 1.5 Std. Sucherei stand ich in einem größeren
Waldstück bei Osterbyholz endlich unter seinem Schlafbaum.
Nun ging es wieder 68 Km zurück nach Hademarschen. Ein paar
Stunden Schlaf und um 05:30 Uhr stand ich am Montagmorgen unter seinem
Schlafbaum. Ab und wann ein Ruf oder Pfiff nach oben, damit er wusste,
wer unter ihm steht.
Im ersten diffusen Licht fliegt der Terzel auf und verschwindet
außer Sicht. Was nun? Von meinem jetzigen Standort aus waren
es 35 Min. zu gehen, um zum PKW zu gelangen. Dem Falken zu
Fuß folgen oder doch lieber gleich zum PKW, falls er weiter
fliegen sollte? Dem Signal nach wurde am Waldrand klar, dass er nicht
sehr weit entfernt stehen dürfte.
Nach ca. 200m war das Waldstück zu Ende und Juri stand
irgendwo im Windschatten der Bäume. Sichtkontakt kam nicht zu
Stande und nun begann das lange Warten. Von 07:30 Uhr bis 14:00 Uhr tat
sich überhaupt nichts. Wahrscheinlich schlief Juri tief und
fest.
Kurz nach 14:00 Uhr machten Meisen, die immer zahlreicher erschienen
auf einen Punkt in einer dichten Tanne aufmerksam. Die Bells klingelten
und nun entdeckte ich ihn endlich auch. Das auf dem Boden liegende
Federspiel interessierte ihn überhaupt nicht, aber bei mir
machten sich zunehmend Hunger und Durst bemerkbar. Um 15:00 Uhr schnell
zum PKW um Verpflegung zu holen. Hoffentlich bleib der Terzel so lange
sitzen!
Um 16:00 Uhr war ich zurück und Juri war inzwischen
abgeflogen. So eine Scheiße aber auch! Der Empfänger
zeigte mir auf Grund der Lautstärke des Signals, dass er nicht
weit geflogen sein konnte. Gott sei Dank hatte er seinen Standort nur
um gut 40m nach rechts verlagert. Nun stand er in einer Randeiche keine
5m über mir.
Nochmals versuchte ich ihm sein Federspiel schmackhaft zu machen. Meine
Bemühungen wurden mit einem Kopfnicken seinerseits quittiert.
Sein 2. Tag ohne Atzung und dann nur ein Kopfnicken von ihm?
Um 17:50 Uhr war es schon wieder so dunkel, das der Falke ohne
triftigen Grund nicht mehr auffliegen dürfte. Wieder ging es
unverrichteter Dinge 68 Km nach Hause.
Am Dienstag die gleiche Ausgangssituation. Um 06:00 Uhr früh
stand ich unter seiner Randeiche. Ab und wann ein Ruf oder Pfiff von
mir nach oben. Um 06:45 Uhr tauchten dann Scheinwerferlichter in
einiger Entfernung auf. Ein Traktor, dass war auch auf die Entfernung
nicht zu überhören und der fuhr genau in unsere
Richtung. Meine Nerven waren bis zum Zerreißen gespannt!
Scheiße, dem Falken war es zuviel geworden. Er flog auf und
verschwand eilig in Windrichtung. Während des
Rückmarsches zum PKW, kam das Signal des Senders immer
schlechter herein.
Nach 30 Minuten Suchfahrt, hatte ich sein Signal wieder gut im
Empfänger. Juri stand jetzt im Windebyer Noor in einem Knick
in einer Eiche, nur ein paar Meter über mir. Ich zeigte ihm
sein mit Rindfleisch bestücktes Federspiel und er nickte
wesentlich intensiver, als noch am Vortag. In günstiger
Entfernung legte ich es auf den Boden. Juri flog darauf zu und
darüber hinweg und stellte sich in 200m Entfernung in den
nächsten Baum. Es war schier zum Verzweifeln!

Juri, der Wanderfalkenterzel
Vielleicht reizt ihn ja eine frisch tote Taube auf dem Federspiel eher,
aber woher nehmen? Irgendwo wird es schon eine Taube zu kaufen geben.
Hoffentlich bleibt der Terzel auch so lange sitzen.
Unser PKW wurde seit zwei Tagen am Limit gefahren. Kurz vor
Eckernförde eine Frau mit einem Hund an der Leine. Das schien
mir günstig. Den Polo brachte ich schlingernd auf dem
Grünstreifen zum Stehen. “Was? Tauben schon im
nächsten Ort?“ Auf zu Herrn Christiansen nach Riseby.
Beim Aussuchen meiner vermeintlichen „Zuchttaube“,
gab es erst einmal einen Vortrag über die Elterntiere und
deren Färbung. „ Wenn sie mal hier schauen wollen,
Herr Harders, nicht wolkig sondern cremig gefärbt.“
„ Ja, sehr schön.“ Mir lief einfach nur
die Zeit davon!
Der Taubenzüchter selbst, diverse Male Landesmeister,
Bundessieger, Gott und der Rest der Welt kaufen bei ihm.
Meine „ Zuchttaube“ natürlich auch
entsprechend „günstig“. Hoffentlich
hält der Terzel aus.
Nach über einer Std. Abwesenheit stand Juri immer noch in
seinem Baum. Eine Taubenbrusthälfte auf das Federspiel
gebunden, dem Falken schön präsentiert und Juri
zeigte- kein Interesse. Das durfte doch bald nicht mehr wahr sein. Und
was nun? Vielleicht mit einer Leiter in den Baum und ihn einfach
übertreten lassen. Locke genug war er mit Sicherheit
dafür.
In gut 1.5 Km Entfernung stand mein PKW bei einem Bauernhof geparkt.
„Ja, eine 5m Aluleiter können sie gerne
ausleihen“. Die Leiter geschultert und ab durch die Wiese zum
Falken. Juris Sitzplatz war verwaist und auf dem Federspiel stand er
auch nicht. Er war inzwischen weitergeflogen. In einer solchen
Situation fehlen einem auch bald die Worte! Dem Landwirt zeigte ich auf
dem Empfänger die Signalrichtung und er sagte:“ Da
rüber liegt Eckernförde“ und
wünschte noch viel Glück.
Gegenüber der Eckernförderbucht liegt das Windebyer
Noor. Die Signalstärke kam so gut rein, dass ich den PKW
stehen ließ um zu Fuß zu suchen.
Das Signal kam aus der Uferregion. Gute 40m breit und ein einziger
Urwald. Richtige Baumriesen, undurchdringliches Gestrüpp und
daumendicke Brombeerranken. Nach 10 Min. Sucherei wurde das Signal von
Meter zu Meter immer stärker. Der Lautstärke nach,
müsste er eigentlich direkt vor mir stehen. Schon zweimal
meinte ich seine Bells gehört zu haben. Jeder Ast in 5m
Umkreis wurde abgesucht und wieder meinte ich seine Bells
gehört zu haben.
Inzwischen hatte ich die Uferregion erreicht, legte mich dort flach hin
und da entdeckte ich ihn. Gute 2m stand er von entfernt mitten im
Schilfgürtel am Ufer. Was hatte er nur im Schilf zu suchen?
Wenige Minuten zuvor kam mir aus dieser Richtung ein Rothabichtsweib
entgegen geflogen. Wahrscheinlich hatte sie versucht, den Terzel zu
schlagen. Juri hat den Angriff wohl rechtzeitig bemerkt und sich in
höchster Not einfach von seinem Anflugast in den
Schilfgürtel fallen lassen. Um genau 14:40 Uhr stand er mit
Geschüh, Drahle, Langfessel und Haube versehen wieder auf
meiner Faust.
Die intensive innere Anspannung über 2.5 Tage hinweg,
ließ ich mit einem Urschrei nach draußen. Nun
fühlte ich mich wohler. Durch das Unterholz stolpernd
erreichte ich wenig später einen Trampelpfad. Dort stand ein
Spaziergänger mit seinem Hund an der Leine regungslos vor mir.
Auf mein freundliches „ Moin moin “, reagierte er
überhaupt nicht. Er schaute mich nur mit großen
Augen an. Seine Blicke spürte ich förmlich auf meinem
Rücken.
Was er wohl gedacht hatte?
Ich für meinen Teil war glücklich den Terzel gefunden
zu haben, aber auch ziemlich
müde.